Weibliche Helden 11-10-10

Oktober 13, 2010 § 4 Kommentare

Ist die Erzählstruktur des Monomythos, die sogenannte „Heldenfahrt“ ein männlich dominiertes Muster, das für Frauen keine Gültigkeit hat? Gibt es eine verlorene Symbolsprache und ein spezifisch weibliches Muster in matrifocalen Gesellschaften?

Diese Fragen zielen auf einen der beiden Themenschwerpunkte, die sich der Mythologische RoundTable® München gegeben hat. Zum Auftakt und Einstieg in das mythologische „Forschungsprojekt“ des MRTM hat der Schriftsteller und Ethnologe Dr. Claus Stephani Geschichten über die ukrainische BABA JAGA, die dakisch-rumänische DOCHIA und die ostjüdische JENTE vorgelesen und vergleichende Betrachtungen angestellt.

Nach dem Vortrag von Claus Stephani ging die Veranstaltung in eine lockere Diskussion über, die viele konstruktive Facetten zum Thema beigetragen hat. Als vorläufiges Fazit bleibt festzuhalten, dass offenbar wenig Mythen bekannt sind, in denen weibliche Heldenfiguren als die Handlung tragende Figuren vorkommen. Insbesonders wenige, die nicht aus dem patriarchalen Welt- und Wertverständnis geprägt sind.

Die orientalische Scheherazade und Aschenputtel wurden genannt und liefern vielleicht Einblicke, wenn man die Geschichten genauer auf ihr Muster analysiert. Andere Teilnehmerinnen bestritten diese Hypothese. Dies könnte ein Thema für einen zukünftigen Mythologischen RoundTable® zu diesem Themenbereich werden.

Als Nachtrag wäre auch noch die sumerische Inanna zu nennen – später verschmolzen mit der babylonischen Ischtar – ein Mythos, der, interessanterweise, auf ca. 3000 vor Chr., also auf die Übergangszeit zum Patriarchat datiert.

„Die Heldenmythen sind historisch zumeist von Männern entwickelt worden und daher auch oft aus männlicher Sicht geschildert. Es gab in den letzten Jahrzehnten immer wieder Versuche von weiblichen Autoren, eine etwas abgewandelte Heldenreise für Frauen zu entwickeln, z.B. von Maureen Murdock. Campbell hat sich zu dem Thema einer weiblichen Heldenreise u.a. im Schlußteil von Pathways to Bliss geäußert, innerhalb einer Publikumsdiskussion, die dort als Transkript wiedergegeben wird. Soweit ich mich erinnere, sagt er, dass die Heldenfahrt für Männer und Frauen gleichermaßen gilt, nur dass die Mythen der Vergangenheit zumeist aus männlicher Sicht hervorgegangen sind. Ich sehe das als Herausforderung für heutige Frauen. Beispielsweise sind viele Fantasy-Romane von Frauen und daher gewissermaßen aus weiblicher Sicht geschrieben worden (von Nebel von Avalon bis Harry Potter)“ (Martin Weyers, JCF)

Ein vorläufiges Fazit aus dieser ersten Veranstaltung des MRTM wäre: Das alte Rollenmodell der Frau hat in unserer Gesellschaft ausgedient und ein neues ist noch nicht erkennbar. In einer Übernahme oder Nachahmung der männlichen Verhaltensweisen kann diese neue Vorstellungswelt jedoch nicht wirklich wurzeln und kann daher auch nicht daraus abgeleitet sein. Das Forschungsthema WEIBLICHE HELDEN wird fortgesetzt.

Die lokale Presse berichtete über den Abend. Der Artikel im Isarboten findet sich hier.

Ein zweiter sehr schön geschriebener Artikel erschien in der Siebenbürgischen Zeitung vom 31. Oktober 2010. Der Artikel findet sich hier als pdf-Datei  017_SBZ_2010-10-31_011 oder hier als online Version.

Der Originaltext von Dr. Claus Stephani wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Der Text kann hier heruntergeladen werden.

Die Film- und Foto Journalistin Wanda Luesst hat den Abend bzw. den Vortrag von Dr. Stephani in unaufdringlicher und doch sehr zutreffender Art und Weise als Video festgehalten. Den Beitrag gibt es hier zu sehen:

Insgesamt waren am 11.10. sechzehn Teilnehmer und Teilnehmerinnen anwesend. Die Anwesenden waren im einzelnen: Dr. Helmut Pitsch (Kunst- und Kulturmanagement, vorm. Vorstand AXA Private Equity), RA Karl Schmitt-Walter (Kunst- und Kulturmanagement), Architekt Hajo Bahner (Architekt, Stadtplanung, Kuration), Architektin Susanne Schütte-Steinig (Videokunst, Tanz), Uwe Walter (Autor, Regie, Produktion), Dr. Michaela Prinzessin Wolkonsky (Ärztin, Galeristin), Dipl. Kfm. Tilmann Krumrey (Künstler, Skulptur, Rauminstallation), Dipl. Päd. Karl Albert (Künstler, Malerei, Lehrer für Transzendentale Meditation), Dr. Claus Stephani (Schriftsteller, Ethnologe, Kunsthistoriker, Märchensammler), M.A. Brigitte Stephani (Volkskundlerin, Kunstkritikerin, Publizistin, Übersetzerin), Andrea Pollak (Herausgeberin, Journalistin, Online-Zeitung), Dominik Schönleben (Journalist), Volker-H. Preindl (Kunstsammler), Monika-Maria Nießl (Tanz- und Ausdruckstherapeutin), Wanda Luesst (Freie Journalistin, Video und Fotografie), Charlotte Marr (Lichttechnikerin, Kammerspiele).

Es wurden 36,80 Euro für die Joseph Campbell Foundation gespendet, die an JCF überwiesen wurden.

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§ 4 Antworten auf Weibliche Helden 11-10-10

  • Wortman sagt:

    Was ist denn mit der keltischen Königin Boodyka? Sie war ja auch eine Heldin…

  • 100menschen100koepfe sagt:

    Danke für den Beitrag. Die keltische Boodyka (oder Boudicca) http://de.wikipedia.org/wiki/Boudicca ist nach unserer Definition kein „weiblicher Held“, da sie – wie viele kämpfende Frauen – erstens eine historische Figur und keine mythologische Figur darstellt und – zweitens kein spezifisch „weibliches“ Verhalten vorstellt, sondern in ihrem Tun ganz und gar dem männlichen Vorbild nachkommt. So wie viele andere (historische) Beispiele es beweisen, sei es die Deutsche Eleonore Prochaska, die Griechin Moscho Tzavella, die schottische Gräfin Agnes oder auch die berühmte Jungfrau von Orleans.

    • Wortman sagt:

      Hab ich mich da verlesen?
      Es geht also rein weg nur um mythologische und keine historischen Heldinnen?

      • 100menschen100koepfe sagt:

        Genau. Wir betrachten die archetypische „Heldenreise“ http://de.wikipedia.org/wiki/Heldenreise im Sinne von Joseph Campbell unter verschiedenen Aspekten. Dabei ist ein „Held“ oder eine „Heldin“ im dramaturgischen Sinn, als die, die Handlung tragende, Figur zu verstehen. Es ist also der „Hauptdarsteller“ (main character) einer Geschichte gemeint, ganz egal wie „heldenhaft“ oder „unehrenhaft“ sein Verhalten nach moralischen oder gesellschaftlichen Richtlinien auch sein mag.

        „Helden“ im historischen Sinn sind eher eine problematische Angelegenheit, besonders da die Definition von „Held“ im historischen Sinn doch sehr stark vom Betrachtungswinkel des jeweiligen Berichterstatters abhängt. Was für den einen ein „Held“ gewesen sein mag, gilt dem anderen vielleicht als „Ketzer“. Diese Differenzierungen machen für uns keinen Sinn, denn es geht hier um archetypische Verhaltensmuster die die kollektive Psyche beeinflussen und nicht um historische Erscheinungen.

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